Dürers Haus

Dürerhaus_1Dürer kaufte das Haus am Tiergärtnertor 1509. Er wohnte hier bis zu seinem Tod.

Heute befindet sich in dem Haus ein Museum, das einen Eindruck davon vermittelt, wie Dürer gewohnt und gearbeitet hat. Man sollte allerdings nicht erwarten, seine Staffelei, seinen Schreibtisch, sein Bett oder seine Bücher vorzufinden. Von Dürers persönlichem Besitz hat sich nichts erhalten.

Erbaut wurde das Haus um 1420. Anfang des 16. Jahrhunderts (1501-1503) fand ein Umbau statt. Nach heutigen Maßstäben erwarb Dürer einen voll sanierten Altbau in bester Wohnlage.1

Dürerhaus_ZwerchhausDürers Vorbesitzer, der Kaufmann Bernhard Walther, beschäftigte sich mit Astronomie und hatte u.a. das Dach ausbauen lassen. Dabei war das markante Zwerchhaus (der Dacherker) entstanden. Das heutige ist jedoch nicht mehr das originale Zwerchhaus, denn dieses wurde um 1800 abgerissen – was bereits damals Unmut hervorrief, denn man nahm an, dass Dürer dort unter dem Dach seine Werkstatt gehabt hatte. Hundert Jahre später bekam das Dach wieder sein ursprüngliches Aussehen (zumindest so, wie es ein Bild von 1714 zeigt): ein durch den Abriss eines anderen Nürnberger Hauses verfügbar gewordener Dacherker wurde im Dürerhaus eingebaut.2

Wesentliche Teile des Hauses stammen jedoch tatsächlich aus dem Spätmittelalter. Die nicht ganz unkomplizierte Baugeschichte wurde in jüngster Zeit im Rahmen von Instandsetzungsmaßnahmen im Detail aufgearbeitet. Dabei entstanden Längsschnitte und Grundrisse, die Stockwerk für Stockwerk kartieren, welchem Zeitraum bestimmte Elemente der Dachkonstruktion und diese oder jene Wand, Decke, Türöffnung usw. zuzuordnen sind. Natürlich nicht für jeden einzelnen Balken, aber doch in großer Detailtiefe.3

Dürerhaus_Treppe_EGDas Innere des Hauses

Im geräumigen Erdgeschoss, heute der Eingangs- und Kassenbereich des Museums, führt an der gleichen Stelle wie zu Dürers Zeit eine Treppe nach oben. Wenig überraschend: Es ist eine eher schmale Treppe.

Im ersten Obergeschoss gelangt man auf einen Vorplatz, der um 1500 ähnlich ausgesehen haben könnte wie heute. Links, zur Straßenseite hin, befinden sich eine Stube (beheizbar) und eine Kammer. Rechts (gleich neben der Treppe) geht es in die Küche.

Dürerhaus_Vorplatz_1aDürerhaus_KücheBei der Küche im ersten Stock besteht kein Zweifel, welchen Zweck dieser Raum auch vor fünfhundert Jahren bereits hatte. Herd und Kamin konnte man innerhalb eines Hauses nicht beliebig verlegen.

Dürerhaus_Wanderer-IIAnders verhält es sich bei den Räumen zur Straße hin. Wofür sie von Dürer genutzt wurden, ist nirgends dokumentiert. Die heutige Raumaufteilung lässt ansatzweise erahnen, wie es sich verhalten haben könnte; die Einrichtung eher nicht. Sie wirkt zwar sehr altdeutsch, stammt aber aus dem 19. Jahrhundert. Die beiden Dürerschen Wohnräume sind ein Produkt des Historismus, nicht der Renaissance. Sie wurden in den 1880er Jahren von dem Dürer-Kenner Friedrich Wilhelm Wanderer gestaltet.

Dürerhaus_Wanderer_KruzifixWanderer orientierte sich bei seinen Entwürfen an Dürers Bildern, so beispielsweise bei dem Kruzifix. Die Skulptur ähnelt dem sog. Dresdener Kruzifix, einem miniaturartig-feinen Gemälde, das Wanderer und seine Zeitgenossen für ein unstrittiges Werk Dürers hielten. Neuere Forschungen haben gezeigt, daß es sich bei dem Stück um eine gegen 1800 in Wien entstandene Fälschung handelt.4 Wenn das Original eine Fälschung ist, was ist dann die Nachahmung des gefälschten Originals? Man ahnt, was es heißt, wenn die Rezeptionsgeschichte von Dürers Werken als vielschichtig bezeichnet wird.

Genau über diesen beiden Wohnräumen, im zweiten Obergeschoss, liegt die Werkstatt.

Dürerhaus_Werkstatt_3Da uns die Beschaffenheit von Dürers Werkstatt weder durch Bilder noch durch Zeitzeugen überliefert ist und es auch keine weiteren authentischen Darstellungen von Werkstätten aus der Dürerzeit gibt, hat man sich an Darstellungen aus späterer Zeit orientiert.5

Dürerhaus_Werkstatt_ReibsteinDer so eingerichtete Raum soll eine ideale Werkstatt darstellen, wo der Reibstein, auf dem die Pigmente mit dem Bindemittel verrührt wurden, und das Vergolderzeug genauso wenig fehlen wie Rohstoffe, die noch nicht vermalbar sind, aber Dürers Interesse an der Natur und seine Sammelneigung ausdrücken sollen.6

Dürerhaus_TiefdruckpresseZum Inventar der Werkstatt gehört eine Tiefdruckpresse, voll funktionsfähig, die auch benutzt wird. Dürers Presse dürfte anders ausgesehen haben, aber das Prinzip war das gleiche: eine Walze, mit der das Papier auf die Vorlage gepresst wird. Mit einem solchen Gerät wurden Abzüge von den Kupferplatten hergestellt, in die Dürer mit einem Grabstichel feine Linien graviert hatte, Kupferstiche also, ebenso Abzüge von Eisenplatten, bei denen es sich um Radierungen handelte. Dürer hatte sicher eine eigene Tiefdruckpresse im Haus.

Weniger sicher kann man sein, dass sich im Haus eine Hochdruckpresse befand (und noch weniger, dass sie im zweiten Obergeschoss stand). Dürer hat zwar viele Holzschnitte produziert, aber wir wissen nicht, wieweit das im eigenen Haus geschah. Der Druck von Holzschnitten war möglicherweise etwas, was er als Auftrag an einen Drucker gab.

Dürerhaus_HochdruckpresseAndererseits dürfte ihm die Qualität seiner Drucke wichtig gewesen sein, und die war im Einzelfall mit einer eigenen Presse am besten zu gewährleisten.

Bei dem Gerät, das im zweiten Obergeschoss in einer separaten Kammer auf der anderen Seite des Vorplatzes steht, handelt es sich um eine Rekonstruktion. Sie wurde 1970/71 angefertigt, wobei man sich an einer Zeichnung von Dürer orientiert hat.7

Dürerhaus_Werkstatt_1Zurück in die Malstube. Sie erstreckt sich über die gesamte Breite des Hauses: ein großer, heller Raum, ein Atelier. Eine Raumnutzung, die etwas für sich hat. Wahrscheinlicher dürfte jedoch sein, dass der Raum durch eine Wand in eine nördlich gelegene Stube (beheizbar) und eine südlich gelegene Kammer unterteilt war, beide etwa gleich groß.

Dürerhaus_Werkstatt_2Aber waren die Werkstatträume überhaupt hier im zweiten Stock? Fest steht eigentlich nur, dass sie hinreichend gut belichtet und heizbar sein mussten. So kämen also auch die Stube-Kammer-Folgen im ersten oder im dritten Obergeschoss in Frage.8 Im Erdgeschoss werden sie jedenfalls nicht gelegen haben (zu dunkel, nicht beheizbar), ebenso wenig im Dachgeschoss mit dem romantischen Erker (im Sommer zu heiß, im Winter zu kalt).

Eigentlich wissen wir nicht einmal, ob Dürer seine Werkstatt überhaupt hier im Haus hatte. Es wird zwar allgemein angenommen, doch einen Beleg dafür gibt es nicht. Für größere Aufträge, z.B. großformatige Gemälde, an denen auch mehrere Mitarbeiter beteiligt waren, wäre im Haus nicht genug Platz gewesen.9

Ein Punkt dürfte allerdings nicht strittig sein. Ganz sicher hatte man auch schon zu Dürers Zeit aus den Fenstern einen Blick auf den Platz am Tiergärtnertor und zur Burg hinauf.

Dürerhaus_Blick-aus-dem-FensterFazit. Über den baulichen Zustand des Hauses zu Dürers Zeit liegen mittlerweile erstaunlich detaillierte Untersuchungsergebnisse vor, über die Nutzung und Ausstattung der Räume hingegen nur Mutmaßungen. Entsprechend dokumentiert die heutige Innenausstattung des Hauses vorwiegend das ‘Bürgerliche Wohnen’ des 18. und die Gedenkstättenfunktion des 19. Jahrhunderts.10 Und, könnte man hinzufügen, die Museumspädagogik des 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Aber was tun, wenn man nicht einmal sagen kann, in welchem Stockwerk Dürer seine Malstube hatte? Wir haben es also letztlich mit einem leeren Haus zu tun, das als authentischer historischer Ort zugleich das wichtigste ‘Ausstellungsstück’ ist.11

Immerhin: ein Haus. Das ist eine ganze Menge.

Dürerhaus_3

Anmerkungen

  1. Thomas Schauerte, Das Albrecht-Dürer-Haus in Nürnberg (= Großer Kunstführer Schnell und Steiner Band 158). 2., völlig neu bearbeitete Auflage. Regensburg 2015. S. 20.
  2. Schauerte 2015. S. 22.
  3. Claus und Robert Giersch, Das Dürer-Haus. Ergebnisse der archivalischen Untersuchungen und der Bauforschung. In: Das Dürer-Haus. Neue Ergebnisse der Forschung (= Dürer-Forschungen Band 1). Herausgegeben von G. Ulrich Großmann und Franz Sonnenberger. Nürnberg 2007. S. 63.
  4. Matthias Mende, Albrecht-Dürer-Haus Nürnberg (= Großer Kunstführer Schnell und Steiner Band 158). Regensburg 1989. S. 58
  5. Jutta Tschoeke, Wo Albrecht Dürer zuhause war. Zur musealen Neukonzeption des Albrecht-Dürer-Hauses. In: Das Albrecht-Dürer-Haus. Baugeschichte, Denkmalpflege, Künstlerhaus. Nürnberg 2007. S. 56f
  6. Tschoeke 2007, S. 57
  7. Mende 1989. S. 56.
  8. Schauerte 2015. S. 40
  9. Vgl. Giersch und Giersch 2007, S. 71
  10. Daniel Hess / Thomas Eser, “Der Erker, worin Dürer malte”. Fragen zur Örtlichkeit von Dürers künstlerischer Arbeit. In: Das Dürer-Haus. Neue Ergebnisse der Forschung (= Dürer-Forschungen Band 1). Herausgegeben von G. Ulrich Großmann und Franz Sonnenberger. Nürnberg 2007. S. 145
  11. Schauerte 2015. S. 5